Inspirationen von Superheldinnen

Tamara Pabst, zusammenunterwegs
Inspirationen von Superheldinnen

Eine türkis Fläche, beschriftet mit „Download, do not turn off target“ ist alles, was das Handy mir zeigt. Ich kann es weder an- noch ausschalten. Die ganze Nacht leuchtet das blaue Licht neben mir. Kein Wecker, da ich den alten, „normalen“ Wecker schon seit Wochen ersetzen will. Am Morgen wechselt der Bildschirm von türkis zu schwarz. Ob Einlegen in Reis hilft? Und das gerade heute, wo ich mir fest vorgenommen, meine Idee endlich umsetzen: ich möchte alle Kommentare zu „was gibt mir Kraft“ aus dem Facebook endlich zusammenfassen. Meine lästigen Affen im Kopf haben natürlich nur auf diese Gelegenheit gewartet: „da siehst du es. Geschieht dir Recht, wenn du so lange brauchst, bis du deine Ideen umsetzt!“. Ein letzter Versuch, mein Handy anzuschalten und, oh Wunder, es ruckelt in meiner Hand. Schnell nachprüfen, ob all meine Sreenshoots noch da sind, rasch eine Tasse Tee und dann ab an den Computer.

 

Hier ist die Liste.

 

Beim Schreiben erfüllt mich Bewunderung. Und Freude. So viele berührende und tolle Frauen, die jeden Tag die Welt mit ihrem Da-Sein und ihrem Einsatz ein wenig besser machen. Weil sie einfach weitermachen. Nicht aufgeben. Sich dabei auch noch für andere Mütter in der gleichen Situation interessieren. Mitteilen. Mittragen.

 

Ich glaube, es ist echt an der Zeit zu sagen: Wir sind wahre Superheldinnen!

 

Arbeiten und Nähen, Psychotherapie, Reha-Kur, Sauna, ätherische Öle, Baden, Massage, Lesen, Schlafen, Urlaub ohne Kind, sich Zeit nehmen, Musik hören, spazieren gehen, Radfahren, in Ruhe einkaufen,  bunte Tücher häkeln und stricken, Badewanne, Nähen, mit der besten Freundin wegfahren, Musik hören, Schnattertanten Runde, im Chor singen, Shoppen, Schokolade, Nägel verzieren, mich an den Kamin stellen, Lesen, Ich Nähe, Fortbildung, in die Therme gehen, Nähen,  Essen, Tauchen gehen, Chillen, Faulenzen , an die See fahren, Wind um die Nase, Fischbrötchen essen, Sticken, Nähen, Basteln, Basteln, Kinderfreier Kino Abend, im Garten, Hängematte, ein gutes Buch, nichts tun, nicht funktionieren, Ausflug an Sommertagen, Fotografieren, mit dem Wohnwagen raus, Musik machen, Backen, Spaziergang in der Natur, Fantasiereisen in meinem Kopf, auf Unkraut einhacken, Kochen nach Lust und Laune, Stadtbummel, meine Tiere, Frisör, Solarium, im Bett liegen, Sport, Sauna, Lesen, Fahrrad fahren, Fitness,  Yoga, Aqua Zumba, Kaffee trinken, Spaziergang im Wald, Hörbücher, Aqua Sport, jedes Wochenende auf den Campingplatz fahren, ein Bad, Cappuccino in der Sonne, Meditieren, Fotos schauen, Fotografieren, Bilder bearbeiten, den Warenkorb bei Amazon und Wish füllen und nichts kaufen, Kraft schöpfen aus der Erfahrung, dass es einfach immer weiter gehen muss, das Lächeln meiner Kinder, meine Stärke, meine Freunde, mein Glaube, Auszeiten, Spaziergänge in der Natur, in Ruhe Kaffee trinken mit einer Freundin, Schaumbad bei Kerzenschein, ein gutes Buch, Dankbarkeit , A…backen zusammenkneifen, es muss und wird weitergehen, es wird mit guter Laune besser laufen, nein sagen, ein paar Stunden Auszeit nehmen, reden, reden, reden und unbedingt auch jammern, die Fähigkeit, positiv zu denken, Muki-Kur, positives Denken, Wandern, Radfahren, Sport, Arbeit, sich Erfolgserlebnisse schaffen, Familie, Freunde, Sport, Tauchen am Meer, Fortschritte des Zwergs, Spaziergang, mein Mann, mein Hund, mein Pferd, gute, laute Musik, Einkaufen, nette Menschen, Zusammenhalt mit meinem Mann, ans Meer radeln, versuchen, an die guten Phasen zu denken, Achtsamkeit auch mir gegenüber, kurze Pausen am Handy haben, Musik, Gedichte lesen, Mantras hören, atmen, zu Fuss gehen, Kunst, Museen.

 

 

Verena Behl, Sarah Bergfink, Anja Kresken, Lydia Stecker, Aradhana Kaur, Sylke Thomaschewski, Jaz Zoy, Ines Rosenke, Anja Kresken, Corina Puttkammer, Sandra Krumm, Doris Winkelmann, Ramona Niklas, Pia Pia Schweizter, Martina Renken, Jennifer Lê, Marian Jahnke, Blanca Michelle Graf, Jennifer Mindt, Daniela Hermes, Ela Ehnle, Nicky Adler, Steffi Lohmann, Sylvia Lang, Simone Kipfmüller, Kerstin Schipper, Csilla, Palfi-Samu, Kartin Kirrbach, Anne Trojan, Christine Graus, Diana Klenner, Sabrina Helber, Angela Ober-Kessler, Susann Uhl, Rike Uhlemann, Kristin Wittig, Anne Trojahn, Katrin Bülow, Nele Breiter, Sindy Breitersdorf, Peggy Lehmann, Michaela Falke, Jasmin Bechtloff, Brigitte Bogner, Nina Grebner, Kerstin Ludden, Kartrin Kirrbach, Anne Cicili, Katja Leuchter, Astrid Simon, Blanca Michelle Graf, Silvia Kuhnert, Nan Di, Anja Köling, Tamara Pabst 

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My hot chocolate moment

".....Mothers typically aren’t great at putting their own needs ahead of their kids’, and from my observations, that is even truer in the disability community. There is just too much work to do, so we just keep on going. I know I need a break, though. I know I need more help in order to get that break. But putting forth the effort to make that change is almost too much to add to my list, so I just deal with it. With more cupcakes, of course. Obviously, that is not the solution, not even a short-term one. Eventually, I need to slow down and address my own issues in order to become the parent that most people might already think I am. I need to learn to breathe, relax, and finish books I start then put away because something else is jockeying for my attention. I need to rediscover the activities I enjoyed before I was tasked with the awesome responsibility that is parenting a child with a disability. I need to take care of myself."

 

Wie könnte denn "dieses für mich sorgen" aussehen, damit es eben nicht ein Auftrag mehr wird, den wir abarbeiten müssen?

Vielleicht ist für sich sorgen viel weniger mit "tun" als mit "sein" verbunden. Nichts. Tun. Nur. Sein.

 

Die vielen verschiedenen Aufgaben, die wir alle perfekt bewältigen wollen und müssen entwickeln sich zu einem Strom, der uns immer weiter von uns selbst wegträgt. In den wenigen ruhigen Minuten setze ich mich in und erkenne mich kaum selbst. Wer ist diese Frau, die hier sitzt? Wie ist sie so geworden? Kenne ich sie überhaupt noch? 

 

In vielen Beratungsstunden, in denen für sich selbst sorgen Thema war, empfahl ich meinem Gegenüber als ersten Schritt meist eine Tasse heisser Schokolade und ein Klatschheft, ein Ausflug in das Leben anderer Menschen. 

 

Heute kommt das Klatschheft nachher. Nach dem ersten bewussten Atemzug, der mir zurückmeldet "du bist da". Nachdem mir  meines Herzschlages gesagt hat "du lebst". Ich schaue mich um und denke, wie farbig und interessant die Welt um mich herum auch sein kann. Der Stuhl trägt mich, meine Füssen berühren den Boden.Der Lärm um mich herum kommt in Wellen. Ich kümmere mich nicht darum. Ich will mich selbst hören.

Alles ist gut. Ich bin da. Von Leben erfüllt. Gewiss, dass ich stark genug bin, willkommen zu heissen, was immer mir das Leben bringt.

 

Für sich selbst sorgen: nichts für mich tun, sondern mit mir sein. 

 

 

...because my thinking was inspired by an english post, I obviously need to translate my thoughts. 

 

How can that "I need to take care of myself" look like so that it isn't just another task to fullfill? 

 

Maybe to care for ourselfves is much mor related to "being" then to "doing. Not to do anything. Just. Be.

 

All these different tasks which we have and want to deal with perfectly, they finish by pulling as far away from our core. In the few quiet minutes I have, I sit down and wonder who that woman is, sitting here. How did she become this way? Do I still know her? 

 

In many counselling hours, we discussed the topic of self care. Usually, I recommended hot chocolate and a gossip magazine to start with.  

 

Today, the gossip magazine is at the end. After the first conscious breath that gives me the feedback "you are here". After listening to my heartbeat telling me "you are alive". I look around and see how coulourful and interessting the outside world can be. The chair is supporting me, my feet touch the ground, the noise around me comes in waves. I don't care, I am busy listening to my self. 

 

Everything is fine. I am there. Full of life. Certain that I am strong enough to welcome everything that life wants to bring me. 

 

Self care: not to do anything for me, but be with me. 

 

Text by Jen Franklin Kerns, 3/10/2017, Down Syndrome on The Mighty

 

 

 

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Eine neue Sprache

Sprache, Trisomie 21, zusammenunterwegs, Tamara Pabst
Sprache, Trisomie 21, zusammenunterwegs, Tamara Pabst

"...wir verstehen diese neue Bildersprache noch gar nicht," höre ich im Autoradio bei einer Fahrt durch das farbenglühende Tösstal. "Wir verstehen nicht, welche Botschaft sich in Bildern verbirgt, können sie nicht lesen, verstehen oft nicht, was sie uns mitteilen wollen."

Meine Gedanken flechten sich in die Worte aus dem Radio. Doch, denke ich, es gibt Menschen, so wie mein Sohn, die ganz schnell und in ihrer Gesamtheit Bilder lesen können. Für seine Antworten bevorzugt er Gesten, um mich auf Situationen als Bilder aufmerksam zu machen. Dazu spricht der Ausdruck seiner Augen und seines Gesichts, die Bewegung seiner Hände und seines Körpers. 

"Welches ist denn die Sprache der Zukunft?" fragt die Moderatorin zum Abschluss. Einer der Gäste antwortet: "ich glaube, unser ganzer Körper muss zur Sprache werden. Wir selbst müssen zu unserem eigenen Buch werden."

Verkörperte Geschichten, sichtbar gemachter Austausch, ein wunderbares Bild, finde ich.

 

Die Sendung auf SRF

ww.srf.ch/sendungen/kontext/zukunft-der-sprache-sprache-der-zukunft

 

Obige Zitate wurden aus Erinnerung gemacht.

 

 

 

 

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Leben im Hier und Jetzt

Ich wurde im Dezember 1976 als älteste von vier Kindern geboren. Sehr früh, mit 18 Jahren, habe ich geheiratet und mit knapp 23 Jahren war ich bereits Mami von drei wundervollen Töchtern. Beruflich hatte ich mein Leben lang mit vielen Kindern zu tun, als Familienhelferin, Klavierlehrerin, als Assistentin in der Kinderkrippe oder als Nanny. Mittlerweile arbeite ich ein paar Stunden pro Woche von zu Hause aus als Dokumentalistin. 11 Jahre nach meiner dritten Tochter, mittlerweile war ich zum zweiten Mal verheiratet, kam meine vierte Tochter zur Welt. Damals wohnten wir noch am Zürichsee. Viereinhalb Jahre später zog es uns aufs Land, in die Berge, in die höchst gelegene Gemeinde des Kantons SZ. 9 Tage nach dem Umzug kam unsere 5. Tochter nach einer sehr komplikationsreichen Schwangerschaft zur Welt. Bis dahin wussten wir nicht, auf welche Reise wir uns mit unserer 5. Tochter begeben würden. Am 10 Tag nach der Geburt stand fest, sie ein Extra Chromosom mitgebracht. Es dauerte ein paar Tage, bis ich mich an den Gedanken gewöhnt hatte. Nach den ganzen Strapazen der Schwangerschaft zog mir die Diagnose den Boden unter den Füssen weg. Mir machte nicht das Down Syndrom Mühe, sondern ich fragte mich, wer denn für Elisa da sein würde, wenn wir es einmal nicht mehr können würden. Doch Elisa wurde von allen mit offenen Armen und viel Liebe empfangen. Und nach ein paar Tagen wurde die Tatsache, dass unsere Tochter ein besonderes Extra mitgebracht hatte, viel leichter. Wir haben das grosse Glück, dass sie organisch vollkommen gesund ist, bis ein kleines Loch in der Herzklappe, das sich mittlerweile von selbst geschlossen hat.

 

Mein Motto war immer: was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Ich hatte bisher ein Leben mit sehr vielen Auf und Abs. Mittlerweile lebe ih nach dem Motto: morgen ist ein neuer Tag. Ich versuche, immer das Positive zu sehen, auch wenn dies manchmal schwierig ist und das Positive nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. 

 

Mein Leben und mein Alltag sind anstrengender geworden. Elisa hält mich immer auf Trab, man darf sie keine Minute aus den Augen lassen. Die letzten 3 Jahre drehte sich alles um sie. Physiotherapie, Frühförderung, Logopädie bestimmten einen grossen Teil unseres Alltags. Seit den Sommerferien sind vier von fünf Morgen besetzt mit wöchentlich wiederkehrenden Terminen. 

Aber mein Leben ist auch so viel reicher geworden. Elisas Fröhlichkeit und ihre bedingungslose Liebe sind ein grosser Segen für uns alle. Wir mussten auch lernen, offener auf fremde Menschen zuzugehen. Denn Elisa lässt uns keine Wahl. Sie ist allen Menschen gegenüber sehr aufgeschlossen, man kommt automatisch in Kontakt durch sie. 

 

Ich schätze sehr, dass wir an einem Ort wohnen dürfen, an dem andere ihre Ferien verbringen. Die Erfahrung, ein besonderes Kind durchs Leben begleiten zu dürfen, macht uns alle sehr reich. Meine Kraft kommt durch meinen Glauben, der mich jeden Tag stärkt und Hoffnung gibt. Die vielen negativen Ereignisse in meinem Leben haben mich stark gemacht. Aus allen negativen Erfahrungen gewinnt man einen unfassbaren Schatz an Wissen und Gelassenheit. 

 

Wenn ich an Elisa und das Wort "Beeinträchtigung" denke, muss ich sagen, dass das Wort eher einen negativen Touch hat. Ich finde nicht nicht, dass unsere Tochter beeinträchtigt ist. Sie entwickelt sich langsamer, vielleicht lernt sie gewisse Dinge nie oder nur schwer, aber sie lebt im Hier und Jetzt und ist so ein fröhliches und offenes Kind, von Beeinträchtigung keine Spur. 

 

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, würde ich mir wünschen, dass die Schweiz offener wird für Menschen, die anders sind, dass sie mehr integriert werden, nicht nur in der Schule, sondern auch im Arbeitsleben. Ich lese immer wieder von grossartigen Projekten im Ausland, Cafés, Hotels, Büros oder Coiffeur-Salons, in denen Menschen mit Down Syndrom mit viel Erfolg arbeiten. Ich wünsche mir, dass so etwas bei uns in der Schweiz auch möglich wird. Für uns als Familie wünsche ich mir, dass uns die gemeinsame Reise mit Elisa noch mehr zusammenschweisst und wir ihr das nötige Rüstzeug mitgeben dürfen, damit sie später ein möglichst eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen darf. 

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Mit euch kann man echt gut reden!

Du bist anders. Mit dir kann ich nicht reden. Ich fürchte mich dafür, dich besser kennenzulernen. Für einen Artikel und eine Initiative der Zeit versucht der Journalist Bastian Berbner, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, mit denen er kaum etwas gemeinsam hat. Von grün bis zu nationalsozialistisch: die Meinungen liegen weit auseinander.

Eine Distanz, die auch mir in meinem Leben immer wieder begegnet. Das unverständliche Wort. Das lange Zögern. Nicht Verstehen. Fehlende Worte. Rauhe, verletzende Gesten. Berührungen, die zu nahe kommen. Menschen mit einer Beeinträchtigung können uns fremd sein. Von Ferne scheint die Verständigung anstrengend bis unmöglich.

Berbner treibt die Neugierde und sein Auftrag weiter. Er stellt fest, dass aus der Ferne das Bild des Menschen an Tiefe verliert: ein Muslim wird leicht zum Terroristen. Blicken wir jedoch einem Menschen in die Augen, reagieren wir sehr oft empathisch. In der Nähe scheinen die Eigenschaften des Gegenübers durch: seine Liebe für Musik. Für Katzen. Seine Abneigung gegenüber Rosenkohl. Sein Talent für Musik und Rhythmus. Sein unwiderstehliches Lächeln. Je näher wir uns sind, desto schwerer fällt uns Ausgrenzung und Ablehnung. 

Wie nun aber entsteht diese Nähe zu einem Menschen mit Beeinträchtigung ? Was kann uns antreiben? Neugierde, gewiss, die Vermutung, dass ein Stück dieses Fremden unser eigenes Leben bereichern kann. Vor allem jedoch glaube ich, ist es das Innehalten und das Zuhören, welches Nähe entstehen lässt; die allmähliche Entdeckung der Geschichte des anderen. Vielleicht durch die Bilder und mit den Worten eines seiner Betreuer oder Angehörigen, aber immer noch seine Geschichte. Der erste Schritt, das erste Lächeln, die Geduld, der er beim Malen aufwendet, seine ursprüngliche Angst vor Pferden und sein Stolz jetzt, wo es mit dem Reiten klappt - kleine, unscheinbare Schritte, aber umso kostbarer, weil sie mit Geduld und Einsatz heraufbeschworen wurden. Es gibt nicht die Behinderung. Es gibt nur Menschen, lese ich in einem Text von Nils Jent. Den Menschen und seine Geschichte, die es mir erlaubt, ihm näher zu kommen. Doch halte ich es überhaupt für möglich, dass ein Mensch mit einer Beeinträchtigung seine eigene Geschichte hat? Ist er nicht zu eingeschränkt, um die Hauptfigur zu verkörpern?  Und doch ist es genau das Wissen um seine Geschichte, welches den Ausgangspunkt bildet für unsere gegenseitige Vertrautheit und erlebte, sichtbare Einzigartigkeit. Alles, was es braucht, ist, dass wir uns hinsetzen, um zuzuhören.

 

 

Die Inspirationen für diesen Text (der noch "work in progress" ist) kommen aus folgenden Quellen:

www.zeit.de/2018/39/deutschland-spricht-diskussion-konstruktiv-streiten-politische-haltung/komplettansicht

www.saiten.ch/aufklaeren-mit-stoischer-geduld/

 

www.ted.com/talks/chimamanda_adichie_the_danger_of_a_single_story

 

Anstelle von "er" hätte ich im Text selbstverständlich auch "sie" verwenden können. 

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Werden, was du bist

Anfangs Oktober erschien in der Zeit ein Artikel mit dem Titel: 

"Sie werden, was sie sind" 

und gleich, als ich den Titel lese, setzt sich bei mir das Gedankenkarussell in Gang. Er wird, sie werden: behindert? eingeschränkt? Furchtlos? Seine, ihre Talente leben? 

Robert Plomin, ein Verhaltensgenetiker, beschreibt, warum Eltern auf die Persönlichkeit ihrer Kinder kaum Einfluss nehmen können. Ihre Charaktermerkmale sind von der Geburt an festgelegt. 

Gerade wir Eltern - ich eingeschlossen - von Kindern mit einer Beeinträchtigung müssen uns immer wieder gegen die Versuchung zu Wehr setzen, mit mehr Förderung noch mehr aus unserem Kind herauszuholen. Gerade wir möchten, dass unser Kind dabei sein kann. Selbstständig ist. Seine Talente zeigen kann. Dieses gut gemeinte und gut verständliche Bestreben kann in uns in Druck und in ein Gefühl der Erschöpfung umschlagen.

Immer wieder heisst es da für mich, mich in Vertrauen und Geduld zu üben. Vertrauen in ihn, seine Potentiale und ganz einfach in seine Lebenskraft, die sich ihren ureigenen Ausdruck in ihm suchen wird. Ich muss die Bereitschaft aufbringen, rückhaltslos JA zu sagen, zu dem wer er ist. Auch wenn ich mir (für ihn! mehr und Anderes Wünsche. Ich muss mich In Geduld üben, wenn sich Fertigkeiten immer und immer wieder erobert werden müssen. Doch wenn mein Kind eben kein "besonderes" Kind ist, sondern "nur" ein Kind, sollten ich dann nicht daran denken, dass:  "Erziehung ist eine Beziehung, eine der längsten in unserem Leben. ..Mit unseren Kindern sollte sie darauf basieren, mit ihnen zusammen zu sein, und nicht auf dem Versuch, sie zu verändern. ..Die Eltern sollten sich entspannen und das Leben mit ihren Kindern geniessen. Ein Teil dieses Vergnügens (vielleicht: dieser spannenden Entdeckungsreise?) ist es, zuzusehen, wie Kinder zu dem werden, was sie sind."

 

(www.zeit.de/2018/41/genetik-kinder-verhalten-erziehung-psychologie)

 

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Ein erfülltes Leben

Ein erfülltes Leben – trotz Einschränkungen

Ich habe früh gelernt, dass alle Menschen besonders sind – als Emigrantenkind 1968 in der Schweiz war ich für meine Mitschülerinnen und Mitschüler anders.  Und als Linkshänderin habe ich erlebt, was es hiess, mit der „schlechten“ Hand zu schreiben. Nach der Matura absolvierte ich ein Praktikum an der Tagesschule für sehbehinderte Kinder und wollte Heilpädagogik studieren. Aber ich entschied mich um und wurde Sekundarlehrerin. Obwohl ich keine Berührungsängste mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen kannte, erlebten mein Mann und ich es als grossen Schicksalsschlag, dass unser drittes Kind, unser erster Sohn, mit dem Down Syndrom auf die Welt kam. Das war doch nicht gerecht!

Natürlich wussten wir, dass das Leben  nicht gerecht ist – aber wenn man plötzlich so betroffen ist, beginnt vieles zu wanken.

Es tat uns sehr leid, dass unser Sohn ein Leben mit etlichen Einschränkungen bekommen hatte. Gerne hätten wir ihm diese erspart wie wir auch den drei anderen Kindern nur das Beste auf den Lebensweg mitgeben wollten. Ich schwor mir, meinen Kleinen wo immer nur möglich zu fördern und nicht nur in unserer Grossfamilie – sondern grundsätzlich in der Gesellschaft – zu integrieren.

Später, als der jüngere Bruder auf die Integration seines älteren Bruders im Kindergarten nicht gut reagierte, besuchte Nicolas  nur noch die heilpädagogische Schule. Er ging gerne dorthin und lernte bis zum 18. Lebensjahr etwas lesen, schreiben und rechnen. Daneben spielte er lange im Fussballclub mit, ging reiten, lernte Ski fahren, Schlittschuh laufen und schwimmen, Velo fahren. Er fuhr selbständig mit der Bahn in die Schule. Wir waren sehr stolz auf die unterschiedlichen Kompetenzen unserer Kinder.

Das alles liegt nun über zehn Jahre zurück. Die drei Kinder ohne DS sind ausgeflogen. Nur  Nicolas lebt noch bei uns Eltern. Man kann nicht von einer Förderung bei einem 31 jährigen Mann sprechen, denn Nicolas macht um alle Lehrmittel, die irgendwie einen kindlichen Touch haben, einen grossen Bogen. Er möchte als Mann wahrgenommen werden, als toller Mann.

Nach einer längeren physischen und psychischen Krise, welche er Gott sei Dank hinter sich gelassen hat, arbeitet er wieder engagiert als Metallarbeiter in einer Werkstatt auf dem 2.Arbeitsmarkt.  Er kann an fast allen Maschinen eingesetzt werden und seine Arbeit wird geschätzt. Er reist viel und setzt sich selber Ziele. Gerne helfen wir ihm dabei, diese zu realisieren. So hat er einen Tandemsprung mit Fall- und Gleitschirm absolviert, er klettert gerne und hat begonnen Alphorn zu spielen. Nicolas konnte seine Autofahrkünste  auf einem Parkplatz ausprobieren.

Wir wissen nicht, was das Leben uns noch bringen wird, aber wir leben nach dem Motto „Gibt dir das Leben Zitronen, mach Limonade daraus.“ 

Wenn dies einmal schwieriger sein sollte: ich glaube immer daran, dass es gelingen kann, aus Zitronen Limonade entstehen zu lassen.  Auch Zuspruch von lieben Menschen hilft mir sehr.

Und natürlich: meine Familie bedeutet mir sehr viel. Meine vier Kinder, mein Mann, meine Grosskinder, meine Mutter, meine Verwandten. 

Mein Lebensziel ist es, ein erfülltes Leben zu leben: da gibt es nicht anderes, als dankbar zu sein. 

 

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Tag für Tag eine Lösung

Starke Mütter erzählen: Lydia Landert
Starke Mütter erzählen: Lydia Landert

Mein Name ist Lydia Landert und als ich im Januar 1958 das Licht der Welt erblickte, ahnte ich in keiner Art und Weise, was das Leben mir bieten würde.

Ich wurde Lehrerin auf der Mittelstufe, gab Vollgas, und hängte den Job nach 9 Jahren an den Nagel. Heute würde man dem wohl « Burn Out» sagen. Es folgte Heirat, vorübergehende Trennung- immer auf der Suche nach meinem Sinn und Zweck im Leben. 1986 verstarb meine Mutter leider viel zu früh und mein Weg führte wieder zu meinem Mann zurück. 1989 kamen Tochter Céline und 1991 Tochter Sylvana zur Welt.  Schliesslich folgte dann 1998 der alles auf den Kopf stellende Champion Andres mit Trisomie 21. Ich war damals sehr besorgt um sein Leben, denn er kam blau und voller Wasser zur Welt und konnte gar nicht alleine atmen. Aber mit all unserer Unterstützung (auch die von Ärzten und Pflegepersonal) meisterte er diese erste Hürde mit Bravour. Ja, ich habe damals und in den Folgejahren viel mitgemacht an Sorgen, Ängsten, und der Frage nach dem «warum». Diese Frage entsorgt man aber am besten schleunigst, weil es schlicht und einfach keine Antwort darauf gibt.

 

Die folgenden «gefühlten» Tausenden von Therapiestunden waren manchmal anstrengend, haben aber gefruchtet und heute bin ich stolz darauf, mit meinen Mädels und Andres drei so tolle Kinder an meiner Seite zu haben😊

Ein leises Bedauern ist noch da, weil die «Yes we can» Mathe und die besseren Lese- und Spracherwerbsmethoden für unseren Andres etwas zu spät kamen.

 

Wir wohnen in einer wunderschönen ländlichen, aber doch Stadtnahen Gegend und unsere damals neu erbaute Siedlung mit den vielen Kindern bot meinen Kids ein geniales Aufwachsen. Trotzdem fiel mir ab und zu das Dach auf den Kopf und so probierte ich mich in verschiedenen Berufen aus: als Reiseleiterin in einem Car-Unternehmen (misslang sehr, weil ich keine WitzeErzählerin bin), als Verkäuferin in einer französischen Kinderkleiderboutique (wo ich meinen Hang zur Modewelt etwas ausleben konnte), und schliesslich als Bodenpersonal bei Swiss in den Lounges des Flughafens Kloten. Hier gefiel mir der Umgang mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen sehr gut, da ich wahnsinnig gerne reise.

 

Immer wieder führte mich mein Weg jedoch zurück zur Schule über Vikariate, die an mich traten. Eines Tages kam sogar ein Job als Englischlehrperson an der Oberstufe auf mich zu. Das hat mir grossen Spass gemacht- einerseits von der Materie her, anderseits, weil meine Mädels damals im gleichen Alter waren. Nach 5 Jahren versiegte dann langsam die Lust an den ewigen Auseinandersetzungen mit diesen « Puber- Tieren» (Bezeichnung von einem Buchtitel übernommen) und die Ablösung kam dann mit der abgeschlossenen Ausbildung zum Bioenergetiker nach der Philippi Methode. So eröffnete ich also eine eigene Praxis für Gesundheit nach der Philippi Methode, die bis heute fortbesteht.

 

Die Sorge, was wird wohl aus meinem Sohn werden, hat sich nun gelegt. Er beginnt jetzt im August 2018, sein Talent zum Schauspieler im neuen «mach Theater» bei Urs Beeler auszuleben. Ich freue mich sehr, dass er diese Möglichkeit bekommt, in seinem Leben etwas anderes als Werkstattarbeit kennen zu lernen. Die kann dann vielleicht später kommen.

 

Andres ist einer meiner grössten Lehrer geworden und hat mit mir Schritt für Schritt erarbeitet, was es heisst,im Hier und Jetzt zu leben. Was morgen ist, wird sowieso kommen und dann schauen wir weiter!

 

Im 2013 habe ich dann schliesslich meinen Traumjob an der Schule gefunden, als Heilpädagogin an der Mittelstufe und ich habe mich sehr auf die « aufgezwungene» aber spannende Weiterbildung an der HfH gefreut. Aber es sollte anders kommen. Ende 2015 dann der Break Down mit der Diagnose Lungenkrebs, Stadium 4. Was die Ärzte mir damals für eine Lebenserwartung geben wollten, interessierte mich nicht und so bin ich auch ohne Chemo immer noch da. Mein Sohn hat mich ja gelehrt, Tag für Tag hin zu schauen und Lösungen zu finden. Ich versuche nun also hartnäckig «meinen Weg» zu gehen und auch hier die Frage nach dem «Warum» aus zu lassen, denn auch hier gibt es keine Antworten.

 

«Life ist (eben) life, nanana nana… heisst es doch so schön in diesem alten Ohrwurmsong.

Beeinträchtigungen haben 1000 Namen, aber dahinter steckt für mich immer eine Menschenseele in einem Körper, die IHR Leben erfüllen möchte. Ist es bei uns nicht Beeinträchtigten denn anders?

Das Leben hat mir grossen Reichtum an vielen Erfahrungen beschert…in vielen Facetten, und ich hab’s bis jetzt angepackt, Tag für Tag. Jetzt wird es aber schleunigst Zeit, etwas mehr an mich zu denken, denn ich möchte ja wieder vollständig gesund werden. Es gibt schliesslich noch viel zu tun- mein Lebenszweck ist noch nicht fertig erfüllt. So kommt es, dass ich mit viel Aufwand -an meiner statt- den Sensemann zurück an den Start geschickt habe.

 

Mit weniger Worten zusammengefasst würde ich mich beschreiben als die, mit der man lachen und weinen kann und die stets versucht stimmige Lösungen zu finden. Leider bin ich auch süchtig nach Harmonie und Frieden, was viel Konfliktpotential in sich birgt und so hoffe ich, gelingt es mir immer besser, mein Leben so hinzukriegen, wie es für mich eben erdacht ist.

 

 

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Fremd ruft nach Neu

Down Syndrom, Community, WDSC2018, Glasgow
Aus dem Down Syndrom entsteht Neues, Unbekanntes, Schönes.

Der zweite Tag des WDSC 2018 in Glasgow entlässt mich mit Staunen und Freude in den Abend:

 

Hersteller von Brillen und Fördermaterial. Tänzer. Maler. Sportler. Berater. Filmemacher. Forscher in Entwicklungspsychologie, psychische Gesundheit, Lernen, Verhalten, Sonderpädagogik. Politiker.  Therapeuten. Psychologen. Arbeitgeber. Tigermoms. Lehrer. Aerzte. Aktivisten. Anwälte.

Down Syndrom, das Fremde, Andere, mit den mandelförmigen Augen, sturen Verhalten, bockigen Schweigen, unkontrollierter Spiellust, überschäumenden Liebesbezeugungen und immer wieder aufblitzendem Lächeln –

Das Fremde, das so oft Angst und Zweifel entstehen lässt (bevor sich diese in Freude und Wertschätzung wandeln)

Das Fremde, in der Gesellschaft oft Ausgeschlossene

Dieses Andere, ein winziger Anteil nur an der weiten menschlichen Vielfalt, lässt unermesslich viel Neues entstehen: Ausarbeitung von Wissen und Produkten, Begegnung und Austausch.

Das Fremde stösst die Grenzen des Unbekannten zurück. Früher sandten wir Schiffe, um neue Länder und neuen Reichtum zu finden. Heute erforschen wir das Unbekannte in unserer Gemeinschaft und wie früher finden wir wunderbare, reiche Kontinente.  

 

 

PS:

Update von Gestern: ich hatte das Glück, Dr. Esther Joosa (www.artsofthearth.org) kennenzulernen. Mein gestriger Blogeintrag war stark von ihrem Vortrag inspiriert. Ich hoffe, die Begegnung geht weiter!

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Die Zeit ist vorbei

new skills, new teachers, see the world differently, who knows the way?
Menschen mit Trisomie 21 können uns den Weg zu Fähigkeiten den 21. Jh. zeigen

Zwischen all den vielen bunten Familien formen sich meine Gedanken zu Zusammenfassung des ersten Tages hier in Glasgow. Die Stimmung ist freundlich, die Lächeln häufig, die Vorträge leider alle viel zu kurz. 

Eine Einführung in eine geplante grosse Kunstausstellung in Mexiko im 2019 und die Eröffnungsrede verflechten sie in mir ineinander:

 

Die Zeit ist vorbei –

Die Zeit ist vorbei, in denen wir ihnen sagten, was sie zu tun haben. Wir brauchen Fertigkeiten des 21. Jahrhunderts. Menschen mit Trisomie 21 mit ihren ganz eigenen Talenten können unsere Lehrer sein.

 

Warum nicht einmal das Ganze anders betrachten?

Von innen nach aussen, unten nach oben?

Wissen wir es wirklich besser? Oder sind sie es, die uns den Weg weisen?

 

Give us time

Learn to listen

Let us inform you

Let us teach you

 

Menschen mit Trisomie 21 leben oft ganz nahe an ihren Gefühlen.

Mehr und mehr schleicht sich emotionale Armut in unsere Gesellschaft.

Sie leben zeitlos im Moment.

Agendas beherrschen unser Leben.

Sie tun nur das, was sie lieben.

Wir suchen mühsam nach unserer Freude.

 

Wir können voneinander lernen, wenn wir uns zuhören und uns mit der Sprache des Anderen auseinandersetzen. Deine Welt und meine Welt können eine Welt sein, wenn wir uns begegnen.

 

Alle Mitglieder der Gesellschaft müssen sich dafür einsetzen, dass Talente gesehen und anerkannt werden: wir Eltern, Erzieher und die politischen Akteure. Um Begabungen mit Freude und Stolz zeigen zu können, müssen Möglichkeiten geschaffen werden, diese aktiv einzubringen.

Inklusion baut auf Zusammenarbeit auf.

 

Wir alle brauchen einander, um eine wirkliche inklusive Gesellschaft schaffen zu können,

Tag für Tag, Schritt für Schritt. 

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