Leben im Hier und Jetzt

Ich wurde im Dezember 1976 als älteste von vier Kindern geboren. Sehr früh, mit 18 Jahren, habe ich geheiratet und mit knapp 23 Jahren war ich bereits Mami von drei wundervollen Töchtern. Beruflich hatte ich mein Leben lang mit vielen Kindern zu tun, als Familienhelferin, Klavierlehrerin, als Assistentin in der Kinderkrippe oder als Nanny. Mittlerweile arbeite ich ein paar Stunden pro Woche von zu Hause aus als Dokumentalistin. 11 Jahre nach meiner dritten Tochter, mittlerweile war ich zum zweiten Mal verheiratet, kam meine vierte Tochter zur Welt. Damals wohnten wir noch am Zürichsee. Viereinhalb Jahre später zog es uns aufs Land, in die Berge, in die höchst gelegene Gemeinde des Kantons SZ. 9 Tage nach dem Umzug kam unsere 5. Tochter nach einer sehr komplikationsreichen Schwangerschaft zur Welt. Bis dahin wussten wir nicht, auf welche Reise wir uns mit unserer 5. Tochter begeben würden. Am 10 Tag nach der Geburt stand fest, sie ein Extra Chromosom mitgebracht. Es dauerte ein paar Tage, bis ich mich an den Gedanken gewöhnt hatte. Nach den ganzen Strapazen der Schwangerschaft zog mir die Diagnose den Boden unter den Füssen weg. Mir machte nicht das Down Syndrom Mühe, sondern ich fragte mich, wer denn für Elisa da sein würde, wenn wir es einmal nicht mehr können würden. Doch Elisa wurde von allen mit offenen Armen und viel Liebe empfangen. Und nach ein paar Tagen wurde die Tatsache, dass unsere Tochter ein besonderes Extra mitgebracht hatte, viel leichter. Wir haben das grosse Glück, dass sie organisch vollkommen gesund ist, bis ein kleines Loch in der Herzklappe, das sich mittlerweile von selbst geschlossen hat.

 

Mein Motto war immer: was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Ich hatte bisher ein Leben mit sehr vielen Auf und Abs. Mittlerweile lebe ih nach dem Motto: morgen ist ein neuer Tag. Ich versuche, immer das Positive zu sehen, auch wenn dies manchmal schwierig ist und das Positive nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. 

 

Mein Leben und mein Alltag sind anstrengender geworden. Elisa hält mich immer auf Trab, man darf sie keine Minute aus den Augen lassen. Die letzten 3 Jahre drehte sich alles um sie. Physiotherapie, Frühförderung, Logopädie bestimmten einen grossen Teil unseres Alltags. Seit den Sommerferien sind vier von fünf Morgen besetzt mit wöchentlich wiederkehrenden Terminen. 

Aber mein Leben ist auch so viel reicher geworden. Elisas Fröhlichkeit und ihre bedingungslose Liebe sind ein grosser Segen für uns alle. Wir mussten auch lernen, offener auf fremde Menschen zuzugehen. Denn Elisa lässt uns keine Wahl. Sie ist allen Menschen gegenüber sehr aufgeschlossen, man kommt automatisch in Kontakt durch sie. 

 

Ich schätze sehr, dass wir an einem Ort wohnen dürfen, an dem andere ihre Ferien verbringen. Die Erfahrung, ein besonderes Kind durchs Leben begleiten zu dürfen, macht uns alle sehr reich. Meine Kraft kommt durch meinen Glauben, der mich jeden Tag stärkt und Hoffnung gibt. Die vielen negativen Ereignisse in meinem Leben haben mich stark gemacht. Aus allen negativen Erfahrungen gewinnt man einen unfassbaren Schatz an Wissen und Gelassenheit. 

 

Wenn ich an Elisa und das Wort "Beeinträchtigung" denke, muss ich sagen, dass das Wort eher einen negativen Touch hat. Ich finde nicht nicht, dass unsere Tochter beeinträchtigt ist. Sie entwickelt sich langsamer, vielleicht lernt sie gewisse Dinge nie oder nur schwer, aber sie lebt im Hier und Jetzt und ist so ein fröhliches und offenes Kind, von Beeinträchtigung keine Spur. 

 

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, würde ich mir wünschen, dass die Schweiz offener wird für Menschen, die anders sind, dass sie mehr integriert werden, nicht nur in der Schule, sondern auch im Arbeitsleben. Ich lese immer wieder von grossartigen Projekten im Ausland, Cafés, Hotels, Büros oder Coiffeur-Salons, in denen Menschen mit Down Syndrom mit viel Erfolg arbeiten. Ich wünsche mir, dass so etwas bei uns in der Schweiz auch möglich wird. Für uns als Familie wünsche ich mir, dass uns die gemeinsame Reise mit Elisa noch mehr zusammenschweisst und wir ihr das nötige Rüstzeug mitgeben dürfen, damit sie später ein möglichst eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen darf. 

Write a comment

Comments: 0