Ein erfülltes Leben

Ein erfülltes Leben – trotz Einschränkungen

Ich habe früh gelernt, dass alle Menschen besonders sind – als Emigrantenkind 1968 in der Schweiz war ich für meine Mitschülerinnen und Mitschüler anders.  Und als Linkshänderin habe ich erlebt, was es hiess, mit der „schlechten“ Hand zu schreiben. Nach der Matura absolvierte ich ein Praktikum an der Tagesschule für sehbehinderte Kinder und wollte Heilpädagogik studieren. Aber ich entschied mich um und wurde Sekundarlehrerin. Obwohl ich keine Berührungsängste mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen kannte, erlebten mein Mann und ich es als grossen Schicksalsschlag, dass unser drittes Kind, unser erster Sohn, mit dem Down Syndrom auf die Welt kam. Das war doch nicht gerecht!

Natürlich wussten wir, dass das Leben  nicht gerecht ist – aber wenn man plötzlich so betroffen ist, beginnt vieles zu wanken.

Es tat uns sehr leid, dass unser Sohn ein Leben mit etlichen Einschränkungen bekommen hatte. Gerne hätten wir ihm diese erspart wie wir auch den drei anderen Kindern nur das Beste auf den Lebensweg mitgeben wollten. Ich schwor mir, meinen Kleinen wo immer nur möglich zu fördern und nicht nur in unserer Grossfamilie – sondern grundsätzlich in der Gesellschaft – zu integrieren.

Später, als der jüngere Bruder auf die Integration seines älteren Bruders im Kindergarten nicht gut reagierte, besuchte Nicolas  nur noch die heilpädagogische Schule. Er ging gerne dorthin und lernte bis zum 18. Lebensjahr etwas lesen, schreiben und rechnen. Daneben spielte er lange im Fussballclub mit, ging reiten, lernte Ski fahren, Schlittschuh laufen und schwimmen, Velo fahren. Er fuhr selbständig mit der Bahn in die Schule. Wir waren sehr stolz auf die unterschiedlichen Kompetenzen unserer Kinder.

Das alles liegt nun über zehn Jahre zurück. Die drei Kinder ohne DS sind ausgeflogen. Nur  Nicolas lebt noch bei uns Eltern. Man kann nicht von einer Förderung bei einem 31 jährigen Mann sprechen, denn Nicolas macht um alle Lehrmittel, die irgendwie einen kindlichen Touch haben, einen grossen Bogen. Er möchte als Mann wahrgenommen werden, als toller Mann.

Nach einer längeren physischen und psychischen Krise, welche er Gott sei Dank hinter sich gelassen hat, arbeitet er wieder engagiert als Metallarbeiter in einer Werkstatt auf dem 2.Arbeitsmarkt.  Er kann an fast allen Maschinen eingesetzt werden und seine Arbeit wird geschätzt. Er reist viel und setzt sich selber Ziele. Gerne helfen wir ihm dabei, diese zu realisieren. So hat er einen Tandemsprung mit Fall- und Gleitschirm absolviert, er klettert gerne und hat begonnen Alphorn zu spielen. Nicolas konnte seine Autofahrkünste  auf einem Parkplatz ausprobieren.

Wir wissen nicht, was das Leben uns noch bringen wird, aber wir leben nach dem Motto „Gibt dir das Leben Zitronen, mach Limonade daraus.“ 

Wenn dies einmal schwieriger sein sollte: ich glaube immer daran, dass es gelingen kann, aus Zitronen Limonade entstehen zu lassen.  Auch Zuspruch von lieben Menschen hilft mir sehr.

Und natürlich: meine Familie bedeutet mir sehr viel. Meine vier Kinder, mein Mann, meine Grosskinder, meine Mutter, meine Verwandten. 

Mein Lebensziel ist es, ein erfülltes Leben zu leben: da gibt es nicht anderes, als dankbar zu sein. 

 

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