Wundertüte Alessandro

„Dieses Kind ist intelligent, weil es sich Sie als Eltern ausgesucht hat. In den letzten zwei Monaten konnte ich beobachten, dass sowohl die Tränen wie auch das Lachen an der richtigen Stelle aufgetaucht sind. Sehen Sie es als Kompliment, dass genau dieses Kind zu Ihnen gekommen ist.“

 

So entliess mich mein Arzt nach Hause, nach 2 Monaten in der Neo-Natologie. Alessandro hatte uns als Frühgeburt und mit einer Besonderheit überrascht. Der Verdacht auf Trisomie 21 tauchte erst nach 10 Tagen nach seiner Geburt auf. Er wurde mir schonungslos ins Gesicht geschleudert, während ich am Wickeln war: „Denken Sie nicht, dass Ihr Kind ein wenig schlapp ist? Sollen wir einen Chromosomentest machen?“ Die folgenden Tage, bis zum Resultat der Analyse verbrachte ich im Dunkeln, im Innen wie im Aussen. Ich weigerte mich, die Wohnung zu verlassen und las mich durch alle möglichen Seiten über Trisomie 21. Angst und Zweifel erfüllten mich, ob ich ein Leben mit einem behinderten Kind würde bewältigen können. Nach einigen Tagen schüttelte mich mein Mann und sagte energisch, dass die Fenster nun wieder aufgemacht werden. „Es ist unser Kind und wir lieben ihn, wie er ist.“

 

Nun also kam ich nach Hause, mit Alessandro im Arm und mit den Worten des Arztes im Ohr. Er hatte Alessandro „eine Wundertüte“ genannt, die uns mit viel Unbekanntem und Schönen überraschen würde. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich alles schaffen würde. 

Wir leben mit meinem Mann Donato in Meggen. Ich arbeite zu 50% Prozent in einem Reisebüro, betreibe meine eigene Firma „oliarte.ch“ und habe vor 6 Jahren die Tanzschule Enea21 gegründet, die Salsa-Tanzgruppe für Menschen mit Trisomie 21.

An jenem Tag, als ich das Krankenhaus verliess, hörte ich auf, mir Fragen zu stellen zur Zukunft. Seither nehme ich jeden Tag, wie er sich ergibt. Alessandro ist mein Kind, ich liebe ihn. Ich verschwende keinen Gedanken an das Wort „Behinderung“. Hin und wieder wird es mir jedoch von der Gesellschaft wieder ins Bewusstsein gerufen. Manchmal vermisse ich die ganz selbstverständliche Inklusion und einfache Herzlichkeit: Kinder, die Alessandro den Ball zurückwerfen oder ihn im Schwimmbad ins Spiel integrieren, Erwachsene, die ihn unkompliziert an ihren Tätigkeiten teilhaben lassen.

Neben meiner Arbeit und Reisen sind es vor allem meine Familie und meine Freunde an meiner Seite, die mich stark machen. Bei ihnen ist Alessandro ohne Wenn und Aber willkommen. Von ihnen spüre ich ein starkes Ja zu Alessandro. Dank ihm hat sich der Zusammenhalt in unserer Familie noch stärker gefestigt. Diese Unterstützung gibt mir viel Kraft. Auch für meinen Mann Donato ist Alessandro einfach Alessandro: von Anfang an hat er ihn ganz selbstverständlich überall hin mitgenommen: schon als Baby thronte er im Maxi-Cosi mitten im Restaurant.

 

Stark macht mich auch mein Glaube an eine uns übergeordnete Kraft. Ich glaube, dass Alessandro mir geschickt wurde, damit ich eine mir unbekannte Seite unserer Gesellschaft –  Menschen mit einer Beeinträchtigung – kennen- und verstehen lerne. Vor Alessandros Geburt bewegte ich mich meist nur in der Geschäftswelt. Durch meinen Sohn hat sich meine Weltsicht geändert und erweitert. Ohne ihn wäre sie einseitig geblieben.

Alessandro schafft Begegnungen mit Menschen, die ich sonst nie kennengelernt hätte, so viele wunderbare Menschen. Auch sie bereichern mich heute.

Für die Anstrengungen, die ein Leben mit ihm auch fordert, werde ich durch seine Liebe und sein Wesen um ein Vielfaches entschädigt.

 

Die Gründung von Enea21 und mein Einsatz dafür ist meine Art, dem Leben „Danke“ zu sagen. Danke dafür, dass ich Alessandro bei seiner Entwicklung begleiten darf. Bis auf die Anfangszeit hatten wir bis anhin nicht mit vielen schwerwiegenden Entwicklungsproblemen zu kämpfen. Dafür bin ich unsagbar dankbar. Dieses Glück möchte ich mit Enea 21 dem Leben wieder zurückgeben.

 

 

Alessandro hat mein Leben bunt, reich und glücklich gemacht und ich bin so dankbar, dass er mein und unser Leben teilt. 

 

Das Gespräch mit Claudia Carlucci wurde aufgezeichnet von Tamara Pabst (20.7.2018)

 

www.enea21.ch

www.oliarte.ch

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