Es ist normal, anders zu sein

Shinja Auf der Maur, Mutter von Sandra

 

 

Ich wurde als Shin Ja Lee im März 1967 in Südkorea geboren. Mit 2 1/2 Jahren kam ich über Lausanne ins Zürcher Oberland. Vermittelt wurde die Adoption vom Hilfswerk Terre des hommes. Ich kam in eine Familie mit noch zwei Schwestern und einem Bruder. Mit meinem asiatischen Aussehen, war ich von Anfang an etwas Besonderes. Und noch heute glaubt man uns nicht richtig, wenn man uns drei Schwestern sieht, dass wir Schwestern sind. Nach einer Schnupperlehre im Spital wusste ich genau, was ich lernen wollte: Krankenschwester: Ich absolvierte ein zehntes Schuljahr, ein Spitalpraktikum und einen 6 monatigen Aufenthalt als Au Pair in Kanada. Mit 18 Jahren begann ich die drei-jährige Ausbildung im Neumünster Zollikerberg. Nach 2 Jahren Berufserfahrung absolvierte ich noch eine 2 Jährige Notfallausbildung im Stadtspital Triemli Zürich. Dort lernte ich auch meinen Ehemann Willi kennen. Als Rettungssanitäter war er öfters in der Notfallstation. Wir beide haben da gelernt, wie kostbar das Leben und die Gesundheit ist. Dass wir Menschen nicht alles unter Kontrolle haben und in unserm Leben nicht alles planbar ist. Im Frühling 1994 haben Willi und ich geheiratet und sind dann 12 Monate mit dem eigenem Mazda Bus und nochmals 2 Monate mit dem Flugzeug auf Weltreise. Gestartet sind wir mit 4 verschiedenen Autos und 4 Paaren. Es ging auf dem Landweg nach Indien (Italien, Griechenland, Türkei, Iran, Pakistan), von Indien noch nach Nepal und China. Danach wieder Indien, Singapur, Malaysia, Thailand. Dort Auto verschifft nach Holland und wir flogen nach Bali, kurz in die Schweiz Auto parkieren und nochmals alleine als Paar 2 Monate mit dem Flieger nach Hongkong, Korea und Thailand. Diese Weltreise hat uns vieles gelernt, unter anderem Toleranz, Respekt, Geduld und viel Ausdauer. Danach haben wir beide wieder an unseren alten Arbeitsorten gearbeitet, bis im November 96 unser erstes Kind Thomas kam. Glücklich genoss ich die Zeit zu Hause als kleine Familie, im August 98 kam dann Sandra. Nach ca. 4 Tagen erfuhren wir Verdacht auf Trisomie 21, evtl. Herzfehler, beides hat sich bestätigt. Mit 6 Monaten wurde Sandra am Herz operiert. Dadurch, dass wir beide im Gesundheitsberuf arbeiten, kannten wir schon vieles von dem was im Spital so abläuft. Glücklich waren wir, dass die Operation bei Sandra gut verlief. Durch den Herzfehler war für uns die Trisomie 21 nicht im Vordergrund. Freunde und Familie haben uns gut unterstützt. Sandra hat sich gut entwickelt, es war uns möglich, ein fast normales Familienleben zu führen, in dem auch Thomas nicht zu kurz kam. Mit Physiotherapie, Frühförderung, Musiktherapie, aber auch Entlastungdienst hatten wir viel Unterstützung. Mit der Selbsthilfegruppe insieme 21 (zuvor Lebensfreude) lernten wir viele andere Eltern kennen, konnten viel voneinander lernen und profitieren. Fast 10 Jahre habe ich mich selber engagiert als Regionalleiterin und habe neu betroffene Eltern vernetzt und durch Informationen unterstützt. Bis heute begleitet uns eine Gruppe Eltern und Kinder (mittlerweile junge Erwachsene), wir teilen vieles miteinander. Freud und Leid. Wir gehen immer noch gern als Familie reisen, fahren alle Velo und Ski. Insieme Zürich bietet integrative Ferien an, beide Kinder konnten zusammen gehen. So können Willi und ich, auch als Paar mal eine Woche oder 10 Tage in die Ferien. Und es war auch als Notfall möglich Sandra in die Ferien zu geben, als Entlastung für mich. Und die Gewissheit zu haben, Sandra geht es da gut. Seit 10 Jahren arbeite ich wieder als Krankenschwester in der Spitex. Da mein Mann als Berufsfeuerwehrmann Schicht arbeitet, nur ein kleines Pensum. Dass gibt mir die Freiheit, genug Zeit für mich, die Familie usw. zu haben.

 

Was habe ich gelernt:

Auf meine Gefühle zu achten,

wenn ich ruhig und nicht gestresst bin, ist die ganze Familie ruhiger.

Mich für meine Kinder einzusetzen,

Experte zu sein

Weiss, was mir und uns gut tut

bewusster zu leben

Geduld zu haben (nicht immer leicht)

 

Was macht mich stark und reich:

Die Liebe meines Mannes

Meiner Kinder

Meine Zufriedenheit

Mein Glaube

 

Was heisst Beeinträchtigung:

Meine Erfahrung ist (als Mutter, Krankenschwester), dass jeder Mensch irgendwo eine Beeinträchtigung hat: es ist normal anders zu sein.

 

Wichtig ist:

kann man etwas ändern?

kann man es akzeptieren oder annehmen?

kann man es aushalten?

Kann man Hilfe /  Unterstützung holen und annehmen?

 

Was ist mir persönlich wichtig:

Man muss nicht nur die andern lieben, sondern zuerst mal sich selber.

Sandra gibt uns die Möglichkeit langsamer, achtsamer zu leben und sich nicht im Dauerstress, noch schneller, noch besser zu verlieren.

 

Was wünsche ich für mich, das Leben, die Familie, die Welt?

Viel Liebe !

Und Zufriedenheit!

 

März/April 2018

Shinja Auf der Maur

 

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