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Die Welt in Pink

Mein Sohn Jonas, (geboren am 7.6- 1993 ) mit Trisomie 21-

Erfahrungen einer Mutter

Als ich damals mit Jonas schwanger wurde, passierte während der Zeugung etwas aussergewöhnliches, mein Ich löste sich aus meinem Körper und ich fühlte mich in eine andere Wirklichkeit hinein katapuliert. Eins mit dem Kosmos, existierte für mich keine Begrenzung, ja auch keine Zeit. Dies lässt sich am ehesten als eine Erfahrung der „ Gnade der Liebe“ beschreiben.

Meine Schwester, die, als sie erfuhr, dass ich in Erwartung meines vierten Kindes sei, zu mir sagte,- diese Seele sei aussergewöhnlich, sie komme in diese Welt für ihre Mitmenschen. Sie meinte, dass diese Seele selbst nicht mehr reinkarnieren müsste, da sie es nicht mehr nötig hätte. Meine Schwester hatte nach einem Nahtoderlebnis öfters schon tiefgründige Vorhersagen gemacht. Ihre spontan gemachte Aussage habe ich damals gleich wieder vergessen, ich dachte für mich, irgendwie sei ja jeder Mensch speziell. Erst als ich vom Arzt, vier Tage nach Jonas Geburt, von dem Verdacht auf ein Down Syndrom hörte, erinnerte ich mich wieder an ihre damalige Vorhersage.

Auch an eine Besonderheit, die mir passierte, als ich meinen Sohn das erste Mal im Arm gehalten hatte, erinnere ich mich. Ich hatte damals ja schon meine ersten drei, nun schon erwachsenen Kinder, überglücklich nach ihrer Geburt willkommen geheissen.

Diesmal aber war alles ganz anders! Ich wusste plötzlich mit absoluter Bestimmtheit, dass dieses Kind eine reine Seele besitzt. Das Gefühl einer seelischen Un-beflecktheit meines kleinen Sohnes überraschte mich sehr. Ich wusste damals nicht genau was ich damit anfangen sollte und was dies bewirken würde. Ich fühlte instinktiv seine grosse Verletzlichkeit, und auch seine spezielle Schutzbedürftigkeit.

Nach der Diagnose fühlte ich mich dann doch immer wieder tief verunsichert. Dass ich meinen Sohn über alles liebte, half mir über den ersten Schock hinweg. Mir war klar, dass ich in meinem Leben aus der gängigen Norm gestürzt war. Ich wäre deshalb am liebste weit weg geflohen, ich stellte mir vor, wie es auf einer einsame Insel wäre zu leben, ich alleine mit meinem kleinen Sohn. Mitleidige Blicke mochte ich nicht ertragen.

In den folgenden Jahren zog ich mich sehr zurück und fühlte mich wie hinter Klostermauern lebend. Ich beschränkte mich nur auf das Wesentliche. Für mehr fehlte mir auch einfach die Kraft. Das war rückblickend nicht schlecht, Jonas bewahrte mich so vor vielem unnötigen Ballast.

Da ich meinen Lebensunterhalt selbst verdienen musste, war ich trotzdem gezwungen, mich dem Leben und der jeweiligen Situation zu stellen.

Jonas war von Beginn an ein allerliebstes Kind. Ich fühlte deutlich, dass er sehr weich fühlend und wie mir schien, körperlich und geistig durchlässig sei. Auch schien mir, dass er nicht wie andere Menschen fest „ans Leben“ gebunden sei. Das meldete mir jedenfalls mein Gefühl. Vorstellungen von einer ungewisse Zukunft schürten damals viele Befürchtungen. Wenn ich heute zurück schaue, waren meine dummen Ängste absolut unberechtigt. Heute darf ich zufrieden und versöhnt auf mein Leben zurückschauen.

Immer wieder durfte ich in all den Jahren während verschiedenen Begegnungen erfahren, wie ausserordentlich die „Antennen“von Jonas funktionieren. Die gesamte Umwelt nimmt er sehr tiefgründig wahr. Darüber konnte oder wollte er nie sprechen. Dies war-für ihn ja schon immer so und darum normal. Ich selbst konnte es auch nur erahnen. Im Zusammenleben mit Jonas erfuhr ich, wie er auf alles Geschehen äusserst sensibel reagiert. Seine einzige Behinderung, wenn ich denn eine nennen müsste, wäre die, dass er die gesprochene Sprache nur sehr begrenzt gebraucht. Er spricht meist nur das Nötigste. Das kann eine Herausforderung für sein jeweiliges Gegenüber sein, muss aber nicht zwingend sein. Wenn sein Gegenüber sich traut der eigenen Intuition zu vertrauen, stellt das kein Problem dar und er fühlt was Jonas ihm sagen möchte. Kommuniziert wird ja nicht nur über Sprache. Ich weiss, dass Jonas das, was ihm wichtig erscheint, versteht. Natürlich auf seine spezielle Art.

Mich dünkt, Jonas ruhe wie kein anderer mir bekannter Mensch, völlig in sich selbst. Er empfindet offensichtlich sich und der Welt in Frieden lebend. Er empfindet auch keine Zweifel. Er bleibt ehrlich sich selbst gegenüber. Und er ist immer bestrebt, dass es Allen um ihn herum gut geht. Jonas ist nicht „formbar“, er ist und bleibt ein liebenswürdiges „Original“.

Besonders bewundere ich an ihm seinen gelebten, beispielhaften Gleichmut. Das Leben ist wie es ist, er vertraut dem Dasein. Niemals käme es Jonas in den Sinn, andere Menschen in irgendeiner Weise zu bewerten.

Jonas empfinde ich als mein Himmelsgeschenk. Dieses habe ich mit der Zeit immer mehr zu schätzen gelernt.

Damals, kurz nach seiner Geburt, hatte ich einen sehr eindrücklichen Traum. Ich sah, wie das Licht des Himmels auf die Erde hinunter ergoss. Wir, meine Kinder und ich wurden von diesem hellen Licht umhüllt. Das war ein Zeichen für mich. Was hätte mir denn schöneres wünschen können?

Trotzdem war und blieb das Leben mit Jonas all die Jahre eine grosse Herausforderung. Die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen habe ich ( gezwungenermassen) erlebt! Alleinerziehend und meist auf mich selbst gestellt, stiess ich während Jahren oft nahe an die Grenzen des Möglichen. Dank meiner tiefen Liebe zu meinem Sohn und meinem Wissen, dass es mit der Zeit besser werden würde, hielt ich durch.

Nun ist Jonas 24 Jahre alt, und ich habe ein Buch über unser gemeinsames, nie langweiliges Leben geschrieben! Meine vielen äusserst wertvollen Erfahrungen können sicher auch anderen Menschen Mut machen. Das Leben stellt uns ALLE immer wieder vor Herausforderungen, ob wir dies bewusst gewählt haben oder nicht!

Mein Sohn bringt mich auch heute noch zum Staunen mit seiner kreativen Art das Leben zu meistern. Seine Feinfühligkeit ist gekoppelt mit feinsinnigem Humor. Für Jonas bedeutet das Leben ein Fest. Und das will täglich gefeiert werden!

Nun, seit Jonas erwachsen ist, arbeitet er als Küchenhilfe im Kt. Spital in Schaffhausen. Auch im Mac Donald in der Stadt hat er einen Job. Dank seines liebenswürdigen Wesens ist er sehr beliebt. Es fällt mir auf, wie viele Menschen ihn kennen. Er schätzt diese Kontakte.

Ich weiss heute, dass gerade spezielle Menschen wie er, die wir (normalen) als geistig behindert betiteln, wichtige Verbindungen zu schaffen wissen zwischen Himmel und Erde! Sie sind Boten des Himmels. Sie fordern uns auf, das Leben nach den Richtlinien der bedingungslosen Liebe zu leben. Verstand und Intelligenz ist nicht alles, wichtig ist vor allem dass wir auf unser Herz hören.

Der Wunsch tauchte auf, meine Erfahrungen weiter geben zu dürfen.

 

Ich schrieb das Buch „die Welt in Pink“. Damit möchte ich meinen Beitrag leisten, damit diese wertvollen Menschen nicht länger verkannt werden. Denn ich frage mich manchmal, wie diese Welt aussähe wenn mehr Menschen mit einem Chromosom plus das Sagen hätten?

 

The world in pink

My son Jonas, (born 7.6- 1993 ) with trisomy 21-

Experiences of a mother

When I got pregnant with Jonas, something extraordinary happened during conception, my I came out of my body and I felt catapulted into another reality. One with the cosmos, for me there was no limitation, no time. This can best be described as an experience of the "grace of love".

My sister, who, when she learned that I was expecting my fourth child, said to me - this soul was extraordinary, she came into this world for her fellow human beings. She said that this soul would no longer have to reincarnate itself, because she no longer needed it. My sister had often made profound predictions after a near-death experience. I immediately forgot her spontaneous statement, I thought to myself that somehow every person was special. Only when I heard from the doctor, four days after Jonas birth, about the suspicion of a Down syndrome, did I remember her prediction.

I also remember a peculiarity that happened to me when I held my son in my arms for the first time. At that time I had already welcomed my first three, now adult children, overjoyed after their birth.

But this time everything was completely different! I suddenly knew with absolute certainty that this child had a pure soul. The feeling of a mental immaculate of my little son surprised me very much. At that time I did not know exactly what to do with it and what it would do. I instinctively felt his great vulnerability, and also his special need for protection.

After the diagnosis I felt again and again deeply insecure. The fact that I loved my son more than anything helped me overcome the first shock. It was clear to me that I had fallen out of the norm in my life. Therefore I would have preferred to flee far away, I imagined what it would be like to live on a desert island, I alone with my little son. I didn't want to endure pitiful looks.

In the following years I withdrew very much and felt like living behind monastery walls. I confined myself to the essentials. For more I simply lacked the strength. Looking back that was not bad, Jonas saved me from a lot of unnecessary ballast.

Since I had to earn my own living, I was nevertheless forced to face life and the respective situation.

Jonas was a lovely child from the very beginning. I clearly felt that he felt very soft and that he was physically and mentally permeable. It also seemed to me that he was not "tied to life" like other people. At least that was what my feeling told me. Conceptions of an uncertain future stirred up many fears at that time. When I look back today, my stupid fears were absolutely unjustified. Today I can look back on my life satisfied and reconciled.

In all these years I was able to experience again and again during various encounters how extraordinarily Jonas' "antennas" work. He perceives the whole environment very profoundly. He never could or wanted to talk about it. This has always been normal for him. I could only guess it myself. Living together with Jonas, I learned how he reacts extremely sensitively to everything that happens. His only handicap, if I had to name one, would be that he used the spoken language only very limitedly. He usually speaks only what is necessary. That can be a challenge for his counterpart, but it doesn't have to be compelling. If his counterpart dares to trust his own intuition, this is not a problem and he feels what Jonas wants him to say. Communication is not only through language. I know that Jonas understands what seems important to him. Of course in his special way.

Jonas seems to me to rest like no other person I know, completely within himself. He obviously feels himself and the world living in peace. He also feels no doubts. He remains honest with himself. And he is always anxious that everyone around him is well. Jonas is not "malleable", he is and remains a kind "original".

Especially I admire his lived, exemplary equanimity. Life is as it is, he trusts existence. It would never occur to Jonas to evaluate other people in any way.

 

I consider Jonas my gift from heaven. I have learned to appreciate this more and more over time.

At that time, shortly after his birth, I had a very impressive dream. I saw the light of the sky pouring down to the earth. We, my children and I were surrounded by this bright light. That was a sign for me. What could have been better for me?

Nevertheless, life with Jonas was and remained a great challenge all these years. The highest highs and the deepest lows I have experienced (forced)! Being a single parent and mostly on my own, I often came close to the limits of what was possible over the years. Thanks to my deep love for my son and my knowledge that things would get better with time, I held out.

Now Jonas is 24 years old, and I have written a book about our common, never boring life! My many extremely valuable experiences can certainly encourage other people. Life always presents us with challenges, whether we have chosen this consciously or not!

My son still amazes me today with his creative way of mastering life. His sensitivity is coupled with subtle humour. For Jonas, life is a celebration. And that wants to be celebrated every day!

Now that Jonas has grown up, he works as a kitchen assistant in the Kt. Hospital in Schaffhausen. He also has a job at Mac Donald in the city. Thanks to his kind nature he is very popular. I notice how many people know him. He appreciates these contacts.

Today I know that especially special people like him, who we (normally) call mentally handicapped, know how to create important connections between heaven and earth! They are messengers of heaven. They challenge us to live life according to the guidelines of unconditional love. Mind and intelligence are not everything, it is important that we listen to our heart.

The wish arose to be allowed to pass on my experiences.

I wrote the book "The World in Pink". With this I want to make my contribution so that these valuable people are no longer misjudged. Because I sometimes wonder what this world would look like if more people with a chromosome plus had the say?

 

 

Erikas Suters Webpage:  www.gestaltedeinsein.ch

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