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Die Welt in Pink

T.: Trisomie 21 wird ja eigentlich als geistige Behinderung eingestuft. Was bedeutet für dich persönlich das Wort "Behinderung, Beeinträchtigung"? Wie erlebst du das?

 

Erika
Es wäre ideal, wenn ein Mensch einfach als ein Mensch gesehen wird. Er soll mit seiner Persönlichkeit geachtet und angenommen werden, so wie er sich im jetzigen Leben in diesem Moment zeigt.

Leider ist das natürlich oft schwierig. In meiner Erfahrung neigt der Mensch dazu, sich zu vergleichen. Es ist verständlich, dass es uns uns etwas ausmacht, wenn der andere in irgendeiner Art besser, schöner, reicher, usw. ist.

Wenn irgendwie möglich, mache ich selbst keine solche Unterscheidungen. Auch meinen Sohn möchte ich um keinen Preis aus-tauschen. Er hat das zusätzliche Chromosom und das macht ihn besonders liebenswürdig. Er hat Qualitäten, die Aussenstehende vielleicht nicht erkennen können.

Wir, die wir sie begleiten, wissen, dass Menschen mit DS ein grosses, liebendes Herz besitzen. Sie üben unendlich viel Geduld mit ihren Mitmenschen. Genau auf diese Unvoreingenommenheit in der Akzeptanz das anderen wollen sie uns hinweisen.

Ich bin überzeugt und voller Vertrauen, dass wir, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, alle aus einem tiefen Grund in unserer gegenwärtigen Form in diesem Jetzt leben. Sie, diese speziellen Menschen, lernen uns zu lieben - allumfassend und unvoreingenommen.

Die Seele ist und war für mich immer schon unsterblich, ich bin überzeugt, sie wandert von Leben zu Leben.

Wir alle sind auf dem Erden-Weg, um selbst etwas zu lernen und uns weiter zu entwickeln.

Aus meiner Sicht bringt es nichts, dauernd alles zu hinterfragen, sondern besser ist es, das Leben als grosses Geschenk anzusehen und in jedem Moment "Ja" zu sagen und anzupacken. Und eben nicht zu werten. Dies befiehlt mir mein eigenes Grundvertrauen. Uns steht niemals zu, ein Leben zu bewerten.

Darum hätte ich, auch wenn ich gewusst hätte, dass ich ein Kind erwarte mit DS, auch niemals abgetrieben. Ich wollte es ganz einfach damals nicht wissen!

Ich habe während der Schwangerschaft (ich war beinahe 42 Jahre alt) meinen Arzt informiert, dass ich keinen Test machen möchte. Ich wusste, dass diese Seele zu mir kommen wollte.

Als ich im 3. Monat war, sagte mir meine Schwester voraus, dass diese Seele nicht mehr in dieses Leben komme, weil sie etwas zu lernen habe, sondern sie komme, damit andere mit ihr lernen können. Sie war selbst am meisten erstaunt, als es dann hiess, Jonas sei behindert! Damit hatte sie in keiner Weise gerechnet.

Es steht der eine Mensch im Lebens-Labyrinth im Zentrum und glaubt von sich, er habe alle Weisheit schon erfasst. Der andere steht am Rande dieses Labyrinths und findet sich selbst vielleicht nicht vollkommen und benachteiligt.  Dann vertauschen sich die Rollen irgendwann wieder. Wir besitzen keine Uebersicht über all unsere verschiedenen Leben. Das Leben muss gelebt werden. In jeder Begegnung sollten wir idealerweise die Liebe für uns und unser Gegenüber umsetzen und sie in all ihren Formen leben. Ehrlich und nicht egoistisch. Das wäre dann das verheissene Paradies!

Es existiert hier keine Seele,  die nicht der Liebe bedürfte.

 

T.: Du hattest viele Herausforderungen zu bewältigen, alleinerziehend, vier Kinder - was hat dich, was macht dich stark?

Erika:

Meine Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens habe machen dürfen, oder besser gesagt, machen musste!

Wenn ich zurückdenke, war ich in meiner Jugend innerlich sehr unsicher und immer auf der Suche nach dem Sinn dieses Lebens.

Heute, mit 66 Jahren, fühle ich mich in mir selbst ( meist!)  ruhig und geborgen.

Mein Leben ist reich gesegnet an wunderbaren Begegnungen mit wundervollen, besonderen Menschen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, je mehr ich selbst Liebe geben darf, die Liebe zurückstrahlt und mich dabei segnet.

Ich habe mich in meinem Leben immer schon für „ Benachteiligte „eingesetzt, vielleicht nicht immer völlig selbstlos. Ich gab mir bestimmt immer Mühe, den mir anvertrauten Menschen respektvoll und einfühlsam zu  begegnen, in meinem Beruf als Betreuerin und auch in meiner Freizeit. Vielleicht habe ich selbst ein Helfersyndrom? Oder vielleicht hatte ich noch „alte Schulden“? Ist mir heute eigentlich auch egal!

Ich kann heute auch ehrlich nein sagen, wenn der andere mich zu sehr beansprucht. Ich bin selbstbewusst und übe eine gesunde Distanz.


T: Wie sieht dein und Eurer Leben aus?

Erika

Ich wohne in einem kleinen Dorf in einem angenehmen Umfeld, zusammen mit meinem Sohn Jonas mit DS.

Ein altes, gemütlichen Bauernhaus bietet uns beiden zwar viel Arbeit, aber vor allem viel Freiraum

Meine ersten drei Kinder sind längst erwachsen und selbstständig. Ich bin glücklich über meine fünf Enkel, die uns oft besuchen kommen.

Auch mein jüngster Sohn mit Down Syndrom ist recht selbständig.

Er arbeitet im Spital in Schaffhausen in der kalten Küche (seit bald 7 Jahren!) und ist zufrieden dabei.

Und ich bin schon etwas stolz, dass Jonas es geschafft hat, in der freien Wirtschaft zu funktionieren und zu arbeiten. (Er verdient 6 Franken in der Stunde)

Ich weiss aber, dass es oftmals eine Herausforderung ist für die Mitarbeiter in der Küche. Jonas funktioniert natürlich nicht immer, wie es erwartet wird, er hat seine eigenen Ideen! Und setzt diese meist um, wie es ihm passt. Er wird aber trotz seiner Art sehr geschätzt, ja, sogar bewundert von seinen Kollegen/innen.

Seit ich pensioniert bin, geniesse ich meinen Freiraum. Früher, als ich arbeiten musste, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen (ich bin alleinerziehend) war vieles recht mühsam.

Wo lässt man ein Kind, wenn es krank ist und man/frau nicht schon wieder bei der Arbeit fehlen kann?

Ein Kind, das keinen Moment allein gelassen werden darf  (Jonas war auch noch hochgradig hyperaktiv!)

Ich musste mich immer dankbar zeigen, wenn mir eine meiner Schwestern aushalf. Ueber ich all die Jahre musste ich viel Kritik und oftmals Unverständnis einstecken. "Diese Situation hast du dir selbst eingebrockt, kannst ja auch selbst schauen, wie du wieder heraus findest!" Ich musste kreativ Lösungen finden, was mich viel Kraft kostete. Das machte mich aber auch gleichzeitig stark und selbstbewusst.

Heute teile mir meine Zeit ein, wie es mir passt und mir wirklich gut tut. Ich male an meinen Kornkreismandalas, dabei kann ich mich völlig verlieren. Ich organisiere Naturrituale und leite diese an. Das gibt nicht nur mir viel Kraft.

Auch schreibe ich an meinem zweiten Buch. Ich habe viele Jahre meine Seelenreisen in mein Tagebuch notiert, diese verwende ich dazu.

Mein erstes Buch habe ich vor zwei Jahren herausgegeben. „Die Welt in Pink“ mein Sohn mit Trisomie 21- ein Himmelsgeschenk (Im Eigenverlag erschienen „gestaltedeinsein“)

Schreiben ist mir ein Bedürfnis, macht mir nicht nur Spass, es ist bestimmt auch eine Art der Verarbeitung all meiner Erfahrungen!

Ich kann nicht (noch nicht!) auf der faulen Haut liegen. Dazu bin ich zu energiegeladen.

Ich nehme mir auch Zeit zu meditieren. ( Vipassana)

Und ich geniesse es sehr, mit unserem Hündchen Sancho in der schönen Natur unterwegs zu sein. Dabei treffe ich oft Menschen,  die mich wirklich interessieren.

 

T.: Wenn du dich beschreiben müsstest, was würdest du über dich selbst sagen?

Erika

Ich fühle mich wohl in meiner Haut und schätze mein Leben auf meine spezielle Art!

Ich möchte gerne weiterhin immer wieder, das mir Wichtige im Leben auch wirklich umsetzen.

 

T.: Liebe Erika, ich danke dir dafür, dass du dir Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten und uns so einen Einblick gewährt hast in dein Leben. Es ist spannend und bereichernd mitzuerleben, wie du es gestaltest. Ich wünsche dir noch ganz viele inspirierte Stunden!

 

Erikas Suters Webpage:  www.gestaltedeinsein.ch

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